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von Reinhard Lämmel
Vereinfacht könnte man sagen: Die Feinschmeckerei ist Ausdruck jener individuellen kulinarischen Urteilskraft, die darüber befindet, welche Speisen aus genüsslichen Gründen anderen vorzuziehen sind. Allerdings braucht sich der Mensch darauf nichts einzubilden. Auch unsere lieben tierischen Hausgenossen verschmähen die gewohnten Speisen, sobald sie Gelegenheit haben, Vorlieben und Abneigungen zu frönen. Jeder Hund zieht bekanntlich ein Stück Zervelatwurst einer Kante trockenen Brots vor, und so manche Hauskatze vergisst für eine Ecke Schwarzwälder Torte die Mäuse im Garten.
Im Detail ist Feinschmeckerkultur allerdings komplizierter. Zu ihr gehört das individuelle Vermögen, Unterschiede wahrnehmen zu können. Darüber hinaus dient Feinschmeckerei dem Lustgewinn und der Lebens- freude. Der wahre Genießer ist allerdings nicht ihr Sklave, sondern ihr Gebieter. Hatte nicht der alte Cato einst entnervt gestöhnt: „Wie schwer ist es, zum Bauch zu reden, der doch keine Ohren hat.”? Richtig, aber wie schwer ist es, mit einem Kopf zu reden, der Ohren hat, nur leider keinen Verstand? Verstand ist eine Grundvoraussetzung für Fein- schmecker. Daran erkennt man unter anderem, welcher Zeitgenosse sich für einen ausgibt oder wer tatsächlich einer ist. So wie ein Klavierspieler sein Instrument durch Übung zu beherrschen lernt, wird man durch Geschmackstraining zum Kenner des kulinarischen Genusses, also durch Probieren und Erfahrungsammeln.
Die Erfindung von Brot, Bier, Wein, von Butter, Käse, Braten und Nudel waren bemerkenswerte Momente der Weltgeschichte. Sie lassen sich mit jenen vergleichen, in denen Weltumsegler neue Kontinente und Forscher bis dato unbekannte Bakterien entdeckten. Die großen Gastrosophen des 19. Jahrhunderts waren der Auffassung, die Kreation einer neuen Speise sei für die Entwicklung der Menschheit bedeutender als die Entdeckung eines Sterns.
Die Feinschmeckerei ist mehr als nur ein flüchtiger Gaumenkitzel für jene, die sich für die kulinarische Elite halten. Nein, sie ist das Merkmal des Menschen. Durch das bewusste Genießen unterscheidet er sich vom Tier, das das fressen muss, was es vorfindet oder was ihm vorgesetzt wird. Diese Tatsache spiegelt auch der wissenschaftliche Name des Menschen wider: Das sapiens hinter dem Homo heißt nicht nur „weise”, sondern auch „schmeckend”. Als Substantiv gebrauchten die Römer das Wort nicht nur für den „wahren Weisen”, sondern gleichermaßen für den „Staatsmann” und den „Feinschmecker”.
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